Mein emotionaler Hunger: Das Beste, was mir je passiert ist

Mit elf fing ich an zu hungern und wurde magersüchtig. Ich fühlte mich in meinem Verhalten schnell bestätigt, denn mein Gewicht ging in kürzester Zeit rasant nach unten. Es dauerte jedoch nicht lang, bis sich die ersten Essanfälle einschlichen und auf meinen vermeintlichen Erfolg ein Jahrzehnt folgte, in dem ich mich als Bulimikerin durchs Leben schlug. Irgendwann war ich es dermaßen Leid, täglich zu erbrechen, dass ich damit einfach aufhörte. Ich wurde über Nacht zur Binge-Eaterin, überaß mich also immer noch, jedoch ohne die vielen Kalorien im Anschluss zu kompensieren. Dank vieler Therapien und einer regelmäßigen Yogapraxis habe ich die Essstörung heute überwunden. Obwohl die Erfahrungen auf meinem Heilungsweg zweifelsohne oft schmerzhaft waren, sind sie rückblickend doch auch das Beste, was mir je passiert ist.

Die ersten Jahre meiner Essstörungen war ich zu 100 % davon überzeugt, alles im Griff zu haben. Ich redete mir ein, nach wie vor die Kontrolle über mein Verhalten zu haben und jeder Zeit aufhören zu können. Doch die Realität holte mich ein, als die Essanfälle während meines Studiums vollkommen ausarteten. Die Zahl auf der Waage schnellte immer weiter in die Höhe und mir wurde langsam aber sicher klar, dass ich ein Problem hatte. Also fing ich an, nach Lösungen zu suchen. Ich probierte verschiedene Diäten und Ernährungsumstellungen aus, doch jeder Versuch, mein Problem mit noch restriktiveren Regeln zu begegnen, ging gehörig nach hinten los. 

Je gesünder und disziplinierter ich mich ernährte, desto schlimmer waren meine „Rückfälle“ in die Essstörung.

Eine ganze Zeit lang wechselte ich zwischen strengen Diäten und Phasen der Essstörung ab. Ich probierte alle möglichen Dinge aus, um vor allem meine enorme Gewichtszunahme in den Griff zu bekommen. Doch nichts schien zu helfen. Erst als sich Verzweiflung breit machte und ich kurz davor war, die Hoffnung aufzugeben, kam die Wende. 

Während eines Ess-Brechanfalls erlitt ich eine Panikattacke und musste ins Krankenhaus.

Ich glaubte am Tiefpunkt meines Lebens angekommen zu sein und war mir sicher: Weiter abwärts kann es nicht mehr gehen. Was ich viele Jahre lang als kleine Macke abgetan hatte, wurde regelrecht zum Albtraum. Meine Essstörung war außer Kontrolle geraten und mir war klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Also beschloss ich, die Sache ein für allemal anzugehen, denn ich hatte keinen Zweifel daran, dass mein Leben sonst über der Kloschüssel enden würde. Ich begann mein Leben aktiv in die Hand zu nehmen, suchte professionelle Hilfe auf und rollte regelmäßig meine Yogamatte aus, um meinen Heilungsweg durch eine sanfte Yogapraxis zu unterstützen. 

Das Gute an Tiefpunkten ist, dass es nicht mehr weiter nach unten gehen kann.

Der Weg raus aus meiner Essstörung war kein leichter und ich bin froh, dass ich ihn nicht noch einmal gehen muss. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass mein emotionaler Hunger auch ein Segen war, denn die vielen Dinge, die ich auf dem Heilungsweg über mich selbst lernen durften, haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Ich lebe ein sehr bewusstes Leben und es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht liebevoll nach innen schaue und meine Bedürfnisse reflektiere. Qualitäten, für die ich wirklich sehr dankbar bin.

Meine Erfahrungen gebe ich heute leidenschaftlich in meinen Coachings und Workshops weiter. Ich liebe es, Menschen zu ermutigen, ebenfalls den Schritt raus aus den alten Verhaltensmustern hinein in ein neues Leben zu wagen, denn ich bin mir sicher, dass hinter jedem emotionalen Essverhalten der Schlüssel zu einem glücklichen Leben verborgen liegt.

Die wertvollsten Lektionen, die ich auf meinem Heilungsweg lernen durfte:

  • Essen ist nicht das Problem 

Obwohl sich im Grunde alles um das Thema Essen zu drehen scheint, ist Essen an sich nicht das Problem. Worum es wirklich geht, ist das, was sich hinter dem Essdrang verbirgt: unsere wahren Bedürfnisse. Sobald wir lernen, den emotionalen Essdruck als ein Warnsignal zu sehen, das auf einen Missstand in unseren wahren Wünschen und Bedürfnissen aufmerksam macht, können wir das Problem an der Wurzel packen und den vermeintlichen Hunger stillen. 

>> Lesetipp: Fuck Lucky Go Happy „Spiritueller Hunger: Wenn Essen nicht satt macht“<<

  • Ich kann meinem Körper vertrauen 

Zu Zeiten meiner Essstörung glaubte ich, mit jedem Bissen zuzunehmen. Ich teile Lebensmittel in gut und schlecht ein und aß entweder zu viel oder zu wenig, denn ich misstraute den Signalen meines Körpers. Im Zuge meiner Heilung durfte ich lernen, dass mein Körper ein Wunderwerk ist, dem ich voll und ganz vertrauen kann. Heute ernähre ich mich intuitiv: Ich esse bei Hunger genau das, worauf ich Lust habe, so viel ich davon möchte, bis ich angenehm satt bin. Und dabei halte ich ein Gewicht, mit dem ich mich nicht nur wohl, sondern auch fit und gesund fühle.

 >>Lesetipp: Wie du lernst, deinem Körper zu vertrauen<<

  • Alles ist möglich, wenn ich daran glaube 

Der schwierigste Teil meiner Heilung war es, an sie zu glauben. Mir war bewusst, dass es Höhen und Tiefen geben würde, doch wie tief ich in den Prozess eintauchen würde, war mir nicht klar. Ich glaubte stets an das Licht am Ende des Tunnels, was mir dabei half, die schwierigen Phasen, in denen ich kurz davor war aufzugeben, zu überstehen. Ich weiß, dass es sich manchmal so anfühlt, als würde das Ganze nie ein Ende nehmen, doch ich möchte dir von Herzen sagen: Gib niemals, wirklich niemals die Hoffnung auf! Ich habe es geschafft und ich bin mir sicher, dass auch du es schaffen kannst! 

  • Das Leben besteht nicht nur aus Glücksmomenten 

Meine Essstörung war an sich nichts anderes als ein permanenter Versuch, die unangenehmen Seiten des Lebens auszublenden. Ich glaubte damals wirklich, dass es normal sei, sich immer gut zu fühlen. Negative Emotionen fühlten sich stets wie eine Bedrohung an, die bekämpft werden musste: Sobald sie aufkamen, wurden sie mit Essen gestopft. Dabei weiß ich heute, dass jede Blume auch ihren Schatten wirft. Ich habe mit der Zeit gelernt, allen Empfindungen Raum zu geben und sie zu akzeptieren. Ganz egal, ob ich sie mag oder nicht, sie sind ein existenter Teil meines Gefühlsspektrums, der das Recht hat, gesehen zu werden. 

  • Ich bin mehr als nur mein Körper 

Mein emotionaler Hunger machte mich blind für das, was ich wirklich bin, nämlich so viel mehr als nur mein physischer Körper. Ich identifizierte mich früher 1:1 mit meinem Körper. Mein Gewicht bestimmte meinen Selbstwert und die Zahl auf der Waage entschied darüber, wie ich mich fühlte. Ich habe über die Jahre hinweg gelernt, meinen Körper zu achten und ihn für all die Dinge wertzuschätzen, die er jeden Tag leistet. 

Du bist ebenfalls dabei, deinem emotionalen Hunger auf die Schliche zu kommen? Was sind deine Lektionen, die du auf deinem ganz eigenen Heilungsweg gelernt hast? Teil sie gerne mit uns in den Kommentaren. 



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namastefranzi

8 Antworten zu “Mein emotionaler Hunger: Das Beste, was mir je passiert ist

  • Liebe Franzi,

    Ich weiß, der Post ist schon sehr alt. Ich klicke mich seit einigen Tagen durch deine Website und die Blogposts und bin überrascht, wie selten, ja fast nie, kommentiert wird. Ich könnte unter fast jeden deiner Beiträge etwas schreiben 😊
    Auch ich leide seit mittlerweile fast 15 Jahren an emotionalem Essen. In den ersten Jahren war es eher Binge Eating.
    Auch ich glaube, dass ich mit der Essstörung leben muss und die Therapien zwar geholfen, aber mich die Essstörung nicht komplett haben überwinden lassen. In meiner Verzweiflung und auch in der Hoffnung, dass es das doch nicht gewesen sein kann, bin ich auf deine Seite gestoßen.
    Vielleicht finde ich ja durch Yoga die Unterstützung, die gefehlt hat, um die Essstörung loslassen zu können?!?

    Mit einem herzlichen Gruß,
    Eva

    Ich würde gerne kommentieren und vielleicht ist das ja der Grund, warum ich nur einen Kommentar gefunden habe, bisher 😊

    Sei herzlich gegrüßt,
    Eva

    • Hallo liebe Eva,

      wie schön, dass es nun geklappt hat 🙂 Bist du denn mit Yoga schon in Berührung gekommen? Auch ich glaubte dem Motto „Einmal Essstörung, immer Essstörung.“, bis ich mit der Yogapraxis begonnen habe und lernen durfte, dass dieser Satz nichts weiter ist als ein veraltetes Denkmuster, das sich in den Köpfen vieler hartnäckig hält, man es dennoch auflösen kann.

      Herzensgrüße,
      Franzi

  • Es hat geklappt 😊

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