Selbstoptimierungsfalle Corona: Warum du gerade jetzt weniger von dir erwarten solltest denn je!

Brot backen, Bücher lesen, Schubladen sortieren oder gar ein neues Business aufbauen: Möglichkeiten, die Extrazeit in der Corona-Krise sinnvoll zu nutzen, gibt es viele. Während ein gesundes Krisenmanagement zweifelsohne empfehlenswert ist, sollten wir jedoch nicht außer Acht lassen, dass Selbstoptimierung in Krisenzeiten ein Luxusgut ist, das sich schlichtweg nicht jeder leisten kann. 

Höher, schneller, weiter scheint auch in der Corona-Krise das Motto zu sein. Kaum kommt das öffentliche Leben zum Erliegen, überträgt sich das beängstigende Tempo unserer Leistungsgesellschaft auf die individuellen Ansprüche im Kleinen. Meine Kanäle sind voll mit maximal produktiven Menschen, die sich im Optimierungswahn befinden. Der Mensch braucht Ablenkung, keine Frage. An sich ist es ja gar löblich, dass wir versuchen aus unserer Zeit das Beste rauszuholen, doch nicht jeder profitiert von dem Überangebot an Möglichkeiten zum Zeitvertreib. 

Vergleichsfalle Social Media: “Alle schaffen mehr als ich!” 

Zu Beginn der Krise habe ich meine Social Media Apps allesamt gelöscht, weil sie mich schlichtweg getriggert und überfordert haben. Ich fühlte mich mit den vielen produktiven Menschen in meiner Bubble nicht verbunden und war genervt davon, dass ich mich beim Scrollen durch meinen Newsfeed automatisch schlechter fühlte. Während ich diesen Vorgang mittlerweile widerrufen habe, gehe ich dennoch bewusster denn je mit den gefilterten Inhalten um, denn für mich persönlich schwingt in den sozialen Netzwerken zurzeit ein triggernder Unterton mit.

“Wer nach der Corona-Krise kein besserer Mensch geworden ist und seine Zeit nicht maximal ausgenutzt hat, der hat schlichtweg versagt!”

Die Intention der gut gemeinten Ratschläge und Anregungen ist mit Sicherheit eine andere, doch irgendwie fühlt es sich manchmal einfach genauso an. Ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich zurzeit oft ein schlechtes Gewissen habe, weil ich unterm Strich weniger leiste als sonst. Meine Tage starten entspannt, ohne viel Druck, dafür gefüllt mit vielen Stunden in der aufblühenden Natur Deutschlands. Ich arbeite im Homeoffice, doch mein Pensum ist heruntergefahren. Ein Großteil meiner regulären Arbeit besteht darin, meine jährlichen Workshops zu planen und beruflichen Verpflichtungen in Indien nachzugehen – Dinge, die momentan auf Eis liegen. Ideen, welche alternativen Wege ich mit meinem Business nun gehen könnte, habe ich viele. Doch die meisten Online-Optionen sind für mich momentan einfach (noch) nicht stimmig. 

Der direkte Kontakt mit meinen Schüler*innen ist für mich nach wie vor die wichtigste Quelle meiner beruflichen Zufriedenheit.

Solang ich nicht gezwungen bin, dauerhaft auf online umzustellen, sitze ich die Situation aus und gebe die Hoffnung auf ein baldiges Ende nicht auf. Jedem meiner Klienten würde ich für eine derartige Erkenntnis ein Lob aussprechen, denn ich habe meine Bedürfnisse und Werte reflektiert und was ich momentan tue, ist schlichtweg Selbstfürsorge. Dennoch ertappe ich mich immer wieder dabei, dass meine innere Kritikerin mich am Ende eines Tages fragt, was ich denn nun eigentlich geleistet habe. 

Die schwierigsten Tage sind für mich nicht die, an denen ich viel zu tun habe, sondern die, an denen ich zu viel Entscheidungsfreiheit habe, was ich mit meiner Zeit anfangen soll.

Wie die meisten Menschen funktioniere auch ich am besten unter Stress. Gemeint ist damit nicht der negative Distress, sondern der positive Eustress, der einen unter normalen Umständen in einen Flow-Zustand versetzt. Doch genau dieser Flow kommt in meiner selbsternannten Quarantäne trotz unendlicher To-dos schlichtweg nicht auf. Gefühlt könnte ich alles tun und dann auch wieder nichts. Geschuldet ist meine Entscheidungsunfreude schlichtweg der Ungewissheit, die die Corona-Krise mit sich bringt und Menschen wie mir nicht gerade in die Karten spielt. 

Zu viele Handlungsalternativen überfordern mich schnell und lassen mich in eine Starre verfallen. 

Ich habe im Vergleich zu vorher mehr Zeit und weniger Verpflichtungen. Auch ich war zunächst ganz beflügelt von dem Gedanken jetzt mehr Zeit zum Kochen oder Yoga machen zu haben. Doch bis zum heutigen Tag hat sich davon ehrlich gesagt nicht viel manifestiert, denn irgendetwas fühlte sich nicht richtig an. Ein paar Tage lang nahm ich mir vor, meinem besten Ich mal wieder näherzukommen, verwarf den Gedanken jedoch schnell wieder, denn es war damals der Druck, perfekt zu sein, der mich in die Essstörung abrutschen ließ. 

Es ist ein schmaler Grat zwischen Selbstoptimierung und notwendigem Krisenmanagement 

Die Liste der Corono-To-dos scheint bei manchen bereits unerschöpflich. Gerade in Krisenzeiten ist es wichtig, aktiv zu bleiben und den Kopf nicht länger in den Sand zu stecken, als notwendig. Allerdings sollte das Ganze nicht zu einem zwanghaften Unterfangen werden, das am Ende mehr Schaden anrichtet als es versucht zu vermeiden. 

Doch woran erkennst du nun, ob dir deine Coping-Strategien guttun? 

Indem du deinen Blick nach innen richtest und dich fragst, ob das, was du da jeden Tag zurzeit tust, zu deinem Seelenfrieden beiträgt oder zusätzlich noch mehr Stress verursacht. Sobald du bemerkst, dass deine überschwänglichen Versuche, nun alle möglichen Bereiche deines Lebens gleichzeitig zu optimieren, dich unterm Strich nicht besser fühlen lassen, solltest du die Notbremse ziehen und deine Intentionen nochmal überdenken. 

Gehst du wirklich joggen, weil du dich bewegen möchtest oder weil du es einzig und allein deinen virtuellen Vorbildern gleich tun möchtest? Kochst du das aufwendige Rezept, weil du wirklich Spaß daran hast oder weil in den sozialen Netzwerken mithalten möchtest?  

“Das Ziel einer Krise ist nicht, aus ihr mit einem Sixpack, neuen Kochskills und fließend Spanisch sprechend hervorzugehen. Es geht einzig und allein darum, diese schwierige Zeit zu überleben.” 

Wenn ich in mich gehe, dann spüre ich da momentan ein ganz bestimmtes Bedürfnis: Ich möchte möglichst gut durch meine Tage kommen und mir mehr Freiraum für mich nehmen, denn je. Und wenn das bedeutet, dass ich mehrere Stunden am Tag mit meinem Hund in der Natur genieße und morgens länger schlafe als gewohnt, dann möchte ich mich dafür vor meiner inneren Kritikerin nicht rechtfertigen müssen. Denn wer weiß schon, wann so ein Stillstand des öffentlichen Lebens wiederkommt und ob wir diese Welt jemals wieder so entschleunigt erleben werden. 

Wenn die kritische Stimme in meinem Kopf doch mal wieder laut wird, rufe ich mir liebevoll ins Gedächtnis, dass mein einziges Ziel ist, diese Zeit ohne größere Schäden zu überleben, schließlich befinden wir uns in einer Krise und nicht im freiwilligen Dauerurlaub! 

“You are not at home working, you are at your home trying to work.” – Unbekannt 

Mein Appell an dich: Sofern es deine Umstände dir ermöglichen, dann tue die Dinge, die dir wirklich von Herzen guttun. Hör mehr denn je auf deine Bedürfnisse und nicht auf das, was du glaubst, tun zu müssen. Nutze deine Zeit so, wie du das wirklich möchtest, gemäß dem Motto: Dein Leben. Dein Seelenfrieden. Deine Spielregeln. 

Wie geht es dir zurzeit? Verfügst du über Extrazeit oder stellen dich gerade ganz andere Herausforderungen auf die harte Probe und der Selbstoptimierungswahn kommt gar nicht an dich ran? Lass uns von Herzen gerne ein Update deiner momentanen Lebenslage in den Kommentaren da. 



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namastefranzi

2 Antworten zu “Selbstoptimierungsfalle Corona: Warum du gerade jetzt weniger von dir erwarten solltest denn je!

  • Liebe Franzi, wie immer ein herrlicher Artikel. Nicht, weil das Thema herrlich ist, sondern, weil ich deinen Schreibstil und wie du die Dinge auf den Punkt bringst, so unheimlich toll finde. Es resoniert einfach mit mir <3
    Nun, wie gehe ich mit der Situation um? Ich war anfangs genau in die gleiche Falle getappt, wie du. Mich mit meinen Mitstreiterinnen zu vergleichen. Nachdem ich noch heulend in meinem Zimmer lag, weil ich so abrupt aus meiner Bubble in Indien gerissen wurde, hatten andere der Teilnehmerinnen schon längst angefangen, online Freunde und Bekannte zu unterrichten. Hielten sich an ihre Morgenroutine. Oder hatten mal eben einen super Instagram Account hochgezogen. Ich dagegen lag erstmal nur im Bett und musste viel schlafen. Was mir dann half, war, mich an meinen kleinen Erfolgen zu erfreuen. Und das konnte sein: „Ich bin heute aufgestanden und war spazieren.“ Außerdem darf jeder sein eigenes Tempo gehen. Geschwindigkeit zählt nicht. Hauptsache du bewegst dich. Und das darf auch gerne mal nach hinten oder auf der Stelle sein. 🙂
    In diesem Sinne. Namaste 🙏

    • Awww Natalie, danke dir für deine lieben Worte! Ich habe deine (Rück-) Reise ja auf Instagram mitverfolgt und so sehr mitgefühlt, wie schwer es sein kann, die Indien-Bubble v.a. unter diesen Umständen zu verlassen. Ich hoffe einfach so so sehr, dass sich die Lage bald entspannt und die Grenzen wieder offen sein werden.

      Du hattest zum Thema „Tempo“ auch einen tollen Post neulich, wo drin stand, dass es nicht auf die Geschwindigkeit ankommt. Ist mit mir zu 100% in Ressonanz gegangen 🙂

      Von Herzen

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