„Positiver emotionaler Hunger“: Dein Schlüssel zur Heilung

Ganz klar: Die Unterteilung in positive und negative Gefühle hat längst ausgedient! Obwohl ich dem Trend, alle Gefühle gleichwertig anzunehmen, sehr unterstütze, bin ich der Meinung, dass du manchmal nach wie vor in alten Schubladen denken solltest. Vor allem nämlich, wenn dein Essverhalten noch immer stark davon beeinflusst wird. 

Während lange Zeit der Begriff „Essstörung“ als Leitbegriff für ein gestörtes Essverhalten verwendet wurde, hat sich in den letzten Jahren synonym der emotionale Hunger als Schlagwort durchgesetzt. Ein Phänomen, das bei den meisten Menschen mit viel Leid verbunden ist, denn gegessen oder gefastet wird meist nicht aus freien Stücken, sondern vielmehr aufgrund von unangenehmen Gefühlszuständen. 

>> Die wichtigsten Infos zum Thema Emotionaler Hunger kannst du hier nochmals nachlesen. <<<

Kein Wunder also, dass Verhaltensweisen und Erlebnisse, die damit in Verbindung gebracht werden, eher negativ assoziiert sind.

Ein paar Beispiele:  

  • sich mit Unmengen an Nahrung vollstopfen
  • bis zum Platzen voll sein 
  • das Verschlingen von vorwiegend ungesunden Nahrungsmitteln 
  • emotionale Essgelüste treten oft im Zusammenhang mit unangenehmen Gefühlen auf
  • die gewählten Nahrungsmittel sind meist kalorienreich und stehen tendenziell eher auf der verbotenen Liste
  • die häufigsten Auslöser: Stress, Trauer, Wut, Langeweile und Einsamkeit
  • das Erleben von Kontrollverlust
  • kurzfristige Folgen: Ekel, Scham und ein schlechtes Gewissen 
  • langfristige Folgen: sozialer Rückzug, Depressionen, Übergewicht

Wenn wir uns die lange Liste typischer Charakteristika mal anschauen, so fällt schnell auf, dass diese allesamt ziemlich negativ sind. Was du jedoch nicht außer Acht lassen solltest: Der emotionale Hunger ist weitaus vielseitiger, als oben beschrieben! 

Ist dir schonmal aufgefallen, dass du weniger isst, … 

…, wenn es dir gut geht? 

…, wenn du sehr glücklich bist? 

…, wenn du von lieben Menschen umgeben bist, die dir guttun? 

…, wenn du dich geborgen fühlst? 

…, wenn du das Gefühl hast, „zu Hause“ zu sein? 

…, wenn du viel erreicht hast und zufrieden bist? 

…, wenn du deinen eigenen Ansprüchen genügen konntest? 

…, wenn du positiv gestresst bist (= Du bist im Flow! Die Anforderungen entsprechen deinen Ressourcen)?

…, wenn du einer Aktivität nachgehst, bei der du die Zeit vergisst (= Du bist auch hier im Flow!)?

…, wenn du weit weg von all deinen Sorgen bist und mal so richtig abschalten kannst? (Urlaub, Kurztrip, Besuche, etc.)

…, wenn du längere Zeit an einem anderen Ort warst und somit deinem Alltag entkommen konntest (z.B. längere Auslandsaufenthalte)?

…, wenn du von einer ausgiebigen Sporteinheit nach Hause kommst und dich so richtig high fühlst?

…, wenn du verliebt bist und sich alles nur noch um die andere Person dreht?

All diese genannten Punkte sind tolle Zustände, die wir alle genießen und anstreben. Keine Frage! Doch hast du schonmal darauf geachtet, dass du deinen gedämpften Hunger in diesen Momenten regelrecht zelebrierst? Vielleicht entwickelst du sogar eine Art Stolz, die Kontrolle über dein Essverhalten zu haben? Oft gehen derartige Situationen auch mit Abnehmgedanken wie „So wenig wie ich heute gegessen habe, muss die Waage ja nach unten gehen“ einher. Und hier fängt dann oft das Problem an:

Wir glauben, dass dieser Zustand des verminderten Hungergefühls der NORMAL-Zustand ist. Doch das ist er nicht!

Worum es sich handelt, ist lediglich eine andere Facette des emotionalen Hungers, nämlich der sogenannte positive emotionale Hunger. Das, was du erlebst, ist das andere Extrem dessen, was man allgemein als emotional beeinflusstes Essverhalten beschreiben.

Positiver emotionaler Hunger zeigt sich durch ein vermindertes Hungergefühl bzw. durch das komplette Ausbleiben von Hungersignalen 

Natürlich kann es auch mal vorkommen, dass unliebsame Gefühle ebenso dazu führen, dass wir weniger Essen. Bei Trauer oder Stress beispielsweise. Doch in solchen Situationen sind wir uns meist im Klaren darüber, dass unser Hunger unterdrückt ist. In angenehmen Situationen, in denen es uns wirklich so richtig gut geht, ist meist ein anderer Schluss die Folge: Gerade, weil wir uns so gut fühlen, glauben wir, dass unser Essverhalten in diesen Momenten der Normalzustand ist und nehmen den unterdrückten Hunger als das Maß aller Dinge. Merk dir jedoch: 

Nur weil du in Glücksmomenten keinen Hunger verspürst, heißt das nicht, dass dein Körper keine Nährstoffe benötigt!

Sobald der euphorische Zustand nachlässt, meldet sich der Körper in der Regel zurück und holt auf, was er „verpasst“ hat. Leider oftmals in Form von Essanfällen. Heimtückisch dabei ist, dass dies nicht immer unmittelbar im Anschluss passieren muss. Es kann nämlich durchaus sein, dass einige Tage mit gedämpftem Hungerempfinden vergehen, bis der Körper versucht das Nährstoffdefizit auszugleichen. 

Mein Appell an dich:

  • 1) Beobachte, ob du manchmal im Sinne des „positiven emotionalen Hunger“ weniger isst. 
  • 2) Nimm wahr, ob du in den darauffolgenden Stunden oder Tagen vermehrt physischen Hunger verspürst (= typischer Balance-Akt deines Körpers, um die eingesparten Kalorien wieder auszugleichen) 
  • Sollte 1) und 2) der Fall sein, dann:

Fang an, ein stärkeres Bewusstsein für derartige Situationen zu entwickeln und nähre auch in „positiven Momenten“ deinen Körper mit ausreichend Nahrung, statt deinen positiven emotionalen Hunger mit Stolz und Kontrolle zu füttern. 

Mir persönlich hat diese Unterscheidung in positiven und negativen emotionalen Hunger tatsächlich sehr geholfen. Zumal ich jahrelang wirklich glaubte, dass mein von positiven Erlebnissen unterdrücktes Hungerempfinden das Maß aller Dinge war. Der Versuch mich nach diesen Maßstäben zu ernähren führte jedoch zu immer wiederkehrenden Essanfällen, bis ich verstanden hatte, dass mein Körper in guten Phasen genauso ausgewogen genährt werden möchte, wie in schlechten Zeiten.

Hast du den positiven emotionalen Hunger auch schonmal erlebt und möchtest deine Erfahrungen diesbezüglich mit uns teilen? In den Kommentaren findest du Platz dafür. Ich bin sehr gespannt darauf!



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namastefranzi

4 Antworten zu “„Positiver emotionaler Hunger“: Dein Schlüssel zur Heilung

  • Meine liebe Franzi,

    ja, auch ich kenne diese Form u das hat mich manchmal in einen ziemlichen Teufelskreis gebracht!
    Irgendwann in meinem Leben ist mir aufgefallen, dass ich diesen „tollen Zustand“, der für mich das Maß aller Dinge war, vor allem dann erreicht habe, wenn ich verliebt war, oder glaubt es zu sein.
    Das führte dazu, dass ich immer wieder versucht habe diesen Zustand zu erreichen. Entweder in meiner Beziehung selbst, oder in dem ich mich in entsprechende Abendteuer gestürzt habe. Sämtliche emotionale Achterbahn inclusive!
    Das Schlimme daran war, dass ich dabei einen Zustand erzeugt habe, der nicht zu halten war u der Druck der dadurch entstanden ist, hat den Essdruck zu dem körperlichen Hunger, der automatisch irgendwann entsteht, um ein Vielfaches verstärkt.
    Letztlich habe ich das erkannt u konnte andere Wege gehen. Aber der Weg war hart.

    Alles Liebe
    Svenja

    • Liebe Svenja,

      vielen vielen Dank für deinen wertvollen Kommentar!! An das Thema „verliebt sein“ habe ich bei der Auflistung gar nicht gedacht. Das werde ich gleich einfügen, denn du hast damit so sehr recht!! Vor allem, wenn wir in der Verliebtheitsphase sind, verlieren wir jegliche Hungergefühle komplett aus den Augen! Das ging mir auch schon wahnsinnig oft so und der Druck, der sich einstellt, um diesen Zustand aufrechtzuerhalten, ist mir mehr als vertraut!

      Danke dir von Herzen für den super Input! <3

      Franzi

  • Elisabeth
    1 Jahrvon

    Liebe Franzi,
    erstmal vielen Dank für diesen klaren Artikel.
    Ich kenne beide Seiten von emotiolnalem Hunger nur zu gut, sie begleiten mich seit vielen Jahren. Einsamkeit, Wut und Trauer oder totale Begeisterung und kopfloses verliebt sein… immer die Angst vor Kontrollverlust, die ich mit Nichtessen oder Essen mit anschließendem Erbrechen versuche nicht mehr zu spüren.
    So klar, wie du es in dem deinem Artikel geschrieben hast, war es mir bis jetzt allerdings nicht, dass der positive emotionale Hunger nur das andere Extrem ist und nicht der Normalzustand und genauso zum Nichtspüren der Angst vor dem Kontrollverlust dient.
    Es geht eben immer wieder in allen Bereichen des Lebens um Balance, das finden einer stabilen Mitte, die die emotionalen Schwankungen austarieren kann.
    Ich habe sie noch lange nicht gefunden, aber ich bin auf dem Weg …

    Liebe Grüße
    Elisabeth

    • Hallo liebe Elisabeth,

      vielen Dank für deine offenen und ehrlichen Worte zu diesem Thema. Als ich das erste Mal über den Begriff des positiven emotionalen Hungers gestolpert bin, bin ich tatsächlich aus allen Wolken gefallen. Ich wage zu behaupten, dass die meisten nach einem Zustand streben, der ebenfalls emotional beeinflusst ist – eben nur in die andere Richtung. Und das hält uns in dem Teufelskreis gefangen.

      Lass die Gedanken dazu nochmal nachwirken, bei mir hat das damals viel ausgemacht.

      Von Herzen,
      Franzi

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