Wie du Rückfälle in die Essstörung als Chancen zur Heilung nutzt

Die Heilung einer Essstörung ist emotional, kräftezehrend und spannend zugleich. Hat man sich erst einmal für den Weg raus aus der Essproblematik entschieden, stellt man schnell fest, welch anstrengende Berg- und Talfahrt sich tatsächlich hinter der Genesung verbirgt. Neben dem Erlernen neuer Essgewohnheiten, sind es nämlich vor allem Rückfälle in alte Verhaltensmuster, die einen regelmäßig auf die harte Probe stellen.

Der Entschluss, den Weg zur Heilung anzutreten, wird meist dann getroffen, wenn die Option „So weiter zu machen wie bisher“ schlichtweg keine Option mehr darstellt. Ist der Leidensdruck erst einmal groß genug, steigt in der Regel auch die Bereitschaft, die notwendigen Schritte zu gehen. Eine Bereitschaft, die vonnöten ist, um den steinigen Weg der Heilung überhaupt anzutreten: Das Etablieren eines neuen, gesunden Essverhaltens gehört dabei genauso dazu, wie die Annahme körperlicher Veränderung, die oft nicht ausbleiben. Doch so groß die Willensstärke auch sein mag, jede Heilung ist von individuellen Hürden geprägt, die einem das Leben regelrecht schwer machen können. 

Denn gerade, wenn nach eigener Einschätzung alles gut läuft, passiert es: Man wird rückfällig.

Rückfälle gelten als der gefürchtetste Teil des Heilungsweges, denn ganz egal, um welche Form der Essstörung es sich handelt: Ausrutscher in alte Verhaltensmuster fühlen sich stets wie eine Ohrfeige an und demotivieren ungemein, den inneren Prozess fortzuführen. Es kann sogar Tage dauern, bis damit verbundene Versagensängste überwunden sind, um sich voller Zuversicht wieder der eigenen Heilung zu widmen. Doch so komisch es klingen mag: 

Rückfälle haben tatsächlich auch etwas Gutes 

Rückfälle passieren in der Regel nicht willkürlich, sondern stehen symbolisch für einen inneren Missstand, den wir selbst noch nicht fähig sind, bewusst wahrzunehmen. Wären uns die Ursachen und Auslöser nämlich alle bekannt, würden wir vermutlich nicht so tief in der Problematik festsitzen. 

Rückfälle sind Vorfälle auf dem Weg zur Heilung.

Die Vorstellung, von heute auf morgen den Schalter umzulegen und jegliche Symptomatik hinter sich zu lassen, ist geradezu utopisch. Jede Essstörung erfüllt gewisse Funktionen, die nun durch gesündere Alternativen ersetzt werden müssen. Und machen wir uns nichts vor: Die gesamte Essproblematik von einem auf den anderen Tag komplett hinter sich zu lassen, ist schlichtweg nicht machbar. 

Eine Essstörung ist wie eine Gehkrücke, die dir dabei hilft, durch dein eigenes Leben zu kommen

Doch was passiert, wenn man einem Menschen, der auf seine Gehhilfe angewiesen ist, diese urplötzlich entzieht? Richtig: Er*Sie bricht zusammen. Und um einen solchen Zusammenbruch zu vermeiden, kann es sein, dass du in der ein oder anderen Situation nach wie vor auf die Muster deiner Essstörung zurückgreifen wirst. Was nicht bedeutet, dass jeder Rückfall auch gleich ein Rückschritt sein muss. Denn: Jedes Vorkommnis gibt dir nützliche Hinweise an die Hand, was du beim nächsten Mal vielleicht anders machen könntest. Unter der Voraussetzung, dass du diese Perspektive auch tatsächlich zulässt.  

So nutzt du Rückfälle in die Essstörung als Chancen zur Heilung:

  • Rückfälle sind in der Regel fester Bestandteil des Heilungsweges. Lass dich von Gedanken wie „Ich mache alles falsch.“ „Ich bin so furchtbar undiszipliniert.“, etc. nicht entmutigen. Versuche herauszufinden, warum es passiert ist, statt gedanklich in eine miserable Stimmung abzutauchen. Als kleiner Trost: Auch wenn es sich nicht so anfühlen mag, höchstwahrscheinlich machst du mehr richtig, als du glaubst. 
  • Halte dir stets vor Augen, dass sich kein Rückfall wieder rückgängig machen lässt. Was passiert ist, ist passiert. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob du glaubst durch gezielte Kompensationsmaßnahmen wie übermäßigen Sport, Nahrungsrestriktion, Erbrechen etc. dem Vorfall entgegenzuwirken. Diese Maßnahmen sind genaugenommen nichts anderes als ein weiterer Schritt in die falsche Richtung. Auch wenn es dir nicht so vorkommen mag: Sie stellen die Ausgangslage für weitere Entgleisungen vom Heilungsweg dar. Halte es deshalb kurz und knapp: Schau dir an warum es passiert ist; überlege dir, was du beim nächsten Mal anders machen könntest und dann hake die Sache ab. 
  • Gewöhne dir an, Rückfälle nicht als einen Rückschritt zu betrachten, sondern als einen Vorfall, der dir aufzeigt, welche Baustellen es noch zu bearbeiten gilt. Dieser Perspektivenwechsel hilft dir bereits dabei, die Vorkommnisse als weniger negativ und bedrohlich zu betrachten. Denn im Grunde sind sie kleine Wegweiser, die dir hilfreich zur Seite stehen, wenn du es zulässt. 
  • Verzweifle nicht, wenn du die Auslöser für deine Vorfälle nicht gleich identifizieren kannst. Manchmal kann es helfen, sich die Umstände und gegenwärtigen Gefühle aufzuschreiben. Wahlweise könntest du dir auch professionelle Hilfe durch eine*n Therapeuten*in oder einen Coach suchen, der*die dir dabei hilft, den Ursachen auf den Grund zu gehen. 
  • Durchbrich den Teufelskreis und vermeide essstörungstypische Verhaltensweisen, die keine weitere Funktion haben, als die Problematik aufrechtzuerhalten. Die Klassiker unter den Fallen findest du hier im Überblick. 
  • Sprich dich aus! Der Austausch mit Gleichgesinnten kann unglaublich befreiend sein und dein angeknackstes Selbstvertrauen ungemein stärken. Auch wenn es dich Überwindung kostet: Trau dich und teile mit, was passiert ist. Du wirst sehen, dass die offene Kommunikation ein super Tool ist, um sich selbst Erleichterung zu verschaffen. 

Rückfälle oder Vorfälle? Welche Haltung nimmst du ein, „wenn es passiert“ und wie gehst du mit diesem Thema um? Wenn du Lust hast, dann teile deine Erfahrung mit uns in den Kommentaren. Ich freu mich darauf. 



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namastefranzi

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